Für Lina, Josefa und Charlotte Thannhauser werden im Sommer Erinnerungszeichen angebracht. Nava Isseroff spricht darüber, wie sie die Geschichte ihrer Familie nach und nach rekonstruiert hat und warum das so wichtig für ihre Familie ist.
Nava Isseroffs Großmutter Bella konnte rechtzeitig aus Deutschland nach Palästina fliehen. Sie selbst lebt heute in Israel. Lange wurde in der Familie von Nava Isseroff nicht über die Vergangenheit gesprochen. „Es war zu schmerzhaft“, sagt sie. Erst später begann Nava, sich intensiv mit der Geschichte ihrer Familie zu beschäftigen. Heute recherchiert sie, reist nach Deutschland und nimmt an Gedenkveranstaltungen teil.
In München macht das Projekt „Erinnerungszeichen“ Opfer des Nationalsozialismus im Stadtraum sichtbar. Wir unterstützen diese Arbeit. Bereits zum vierten Mal recherchieren unsere Auszubildenden mit Unterstützung von Public History im Kulturreferat der Landeshauptstadt München die Biografien von Menschen, die in Häusern der Münchner Wohnen gelebt haben. Für drei Angehörige aus Navas Familie werden in diesem Jahr Erinnerungszeichen angebracht: für Lina Thannhauser, ihre Tochter Josefa und ihre Schwester Charlotte. Ihre Lebensgeschichten stehen zugleich für viele weitere Schicksale in der Familie.
Interview mit Nava Isseroffs
Nava, was wissen Sie heute über Ihre Urgroßmutter Lina?
Lina wurde 1865 in Floß in der Oberpfalz geboren. Ihre Eltern hatten zehn Kinder, einige starben früh. Die Familie war wohlhabend und besaß eine Glas- und Spiegelfabrik. Nach ihrer Heirat mit Albert Thannhauser zog Lina nach München, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte. Lina fühlte sich sehr baierisch und war auch stolz darauf. Die Familie ging nur selten in die Synagoge. Ihr Mann Albert hatte zusammen mit seinem Bruder eine Firma, die Bierkrüge und Andenken an München herstellte.
Erst vor kurzem erfuhr ich, dass Lina hatte auch einen hebräischen Namen hatte: Miriam Gitl. Das zeigt, dass dieser Teil der Identität auch in unserer Familie eine Rolle gespielt hat.
Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie in München und lebte bis 1934 in der Prinz-Ludwig-Straße, wo das Erinnerungszeichen angebracht wird. Als die Deportation nach Theresienstadt drohte, wusste sie keinen Ausweg und nahm sich am 26. Juni 1942 in München das Leben.

Auch Linas Schwester Charlotte gehört zu den Frauen, an die erinnert wird. Welche Rolle spielte sie in der Familie?
Charlotte, genannt Lotte, wurde 1863 geboren und zog ebenfalls nach München. Sie war mit dem Bruder von Linas Ehemann verheiratet. Die beiden Schwestern standen sich sehr nahe und verbrachten viel Zeit miteinander. Sie lebten im selben Haus und machten gemeinsam am Tegernsee Urlaub.
Und Ihre Großtante Josefa, genannt Josy?
Josy, Linas Tochter, war eine sehr talentierte Violinistin. Sie studierte Musik in der Schweiz und trat an vielen Orten in der Welt auf. Noch bis 1937 schickte Josy ihrer Schwester Bella regelmäßig Postkarten mit Sätzen wie „Alles wie immer, nichts Neues.“ Was in Deutschland tatsächlich geschah, konnte sie nicht schreiben.
Ihr nach Südafrika ausgewanderter Onkel schenkte ihr eine italienische Violine im Wert von 10.000 Reichsmark – den wertvollsten Besitz der Familie. Als Jüdin durfte sie in der NS-Zeit jedoch nicht mehr als Künstlerin arbeiten, da nur „Arier*innen“ Mitglied der Reichskulturkammer sein konnten.
Nach dem Krieg beauftragte die Familie einen Anwalt, um die Violine wiederzufinden, jedoch ohne Erfolg. Was mit dem Instrument geschah, ist bis heute unklar.
Im April 1942 wurde Josy von München aus nach Piaski in Polen deportiert. Was dort mit ihr geschah, ist nicht bekannt.
Gab es weitere Frauen in Ihrer Familie, deren Geschichte Sie beschäftigt?
Ja, zum Beispiel meine Großmutter Bella, Linas zweite Tochter. Sie war Ärztin und stand ebenso wie ihre Schwester Josy ihrem Cousin sehr nahe, Lottes Sohn Siegfried. Beide studierten Medizin. Bella ging später nach Berlin. Als SA-Männer vor ihrer Praxis standen und „Arier*innen“ verboten, sich von ihr behandeln zu lassen, traf sie eine Entscheidung: Sie verließ Deutschland und ging nach Palästina. „Wenn sie mich nicht wollen, gehe ich“, war ihre Haltung. Sie wusste, dass sie als Jüdin in Deutschland keine Zukunft mehr hatte.
Sie ging gemeinsam mit ihrer Tochter. Für die Ausreise brauchte sie ein teures Visum. Ihre Familie unterstützte sie finanziell nicht, weil sie dagegen war, dass Bella ihr Kind mit nach Palästina nahm, das sie damals als „Wüste“ wahrnahm. Eine Freundin gab ihr das Geld, und sie verließ Deutschland mit nur wenigen Dingen.
Der Anfang war schwierig. Bella sprach die Sprache nicht und musste sich ein neues Leben aufbauen. Später eröffnete sie eine Praxis und arbeitete als Familien- und Sportärztin. Über die Vergangenheit sprach sie nie. Sie hatte auch keine Fotos von ihrer Mutter oder ihrer Schwester bei sich aufgestellt.
Was bedeutet es für Sie, dass heute an Ihre Familie erinnert wird?
Es bedeutet mir sehr viel. Das Projekt Erinnerungszeichen sorgt dafür, dass Lina, Josy und Lotte sichtbar bleiben. Meine Familie hat lange nicht darüber gesprochen, aber ich möchte, dass ihre Geschichten erzählt werden. Als ich vor einiger Zeit in Auschwitz war, habe ich dort Kerzen für meine Familie angezündet. Das war ein sehr bewegender Moment.


