Zum zweiten Mal hat sich ein Ausbildungsjahrgang der Münchner Wohnen auf einer Studienreise mit den Schicksalen ehemaliger Mieter*innen auseinandergesetzt, die Opfer der Nationalsozialisten wurden. An ihren früheren Münchner Wohnhäusern erinnert das Unternehmen seit mehreren Jahren mit Erinnerungszeichen an sie.
In diesem Jahr führte die Reise die Auszubildenden und ihre Begleiter*innen nach Tschechien, unter anderem in die Gedenkstätte Theresienstadt. Bei einer Führung durch die Gedenkstätte und einem Besuch des Ghettomuseums setzten sich die elf Auszubildenden intensiv mit der Geschichte des ehemaligen Ghettos und den Schicksalen seiner Inhaftierten auseinander. In einer Gedenkzeremonie erinnerten sie an ehemalige jüdische Mieter*innen der Münchner Wohnen, die Opfer der Nationalsozialisten wurden: Emma Kutzinger (Prinz-Ludwig-Straße), Dr. Julian Marcuse (Pfeuferstraße), Lisette Lilie (Kraelerstraße) sowie Adolf Freitag und Rudolf Gottlieb (Wendl-Dietrich-Straße).
Für sie hinterlegten die Auszubildenden im Rahmen eines stillen Gedenkens im Kolumbarium der Gedenkstätte Fotos der Personen sowie Steine aus der Isar. In dem Gewölbe des ehemaligen Ghettos wurde während des Zweiten Weltkriegs die Asche von mehr als 30.000 Inhaftierten aufbewahrt.
Begegnung mit einer Zeitzeugin
Am zweiten Tag der Reise trafen die Auszubildenden in Prag Michaela Vidláková. Die 1936 geborene Zeitzeugin war als Kind gemeinsam mit ihren Eltern in Theresienstadt inhaftiert. Im persönlichen Gespräch berichtete sie den Auszubildenden von ihren Erlebnissen und Erfahrungen während der nationalsozialistischen Verfolgung.
„Michaela Vidláková hat uns auch erzählt, dass ihr die aktuellen politischen Entwicklungen Sorgen bereiten. Das unterstreicht, wie wichtig die Erinnerungsarbeit unserer Auszubildenden ist: Die Beschäftigung mit den Schicksalen ehemaliger Mieter*innen schärft den Blick für die Folgen von Ausgrenzung und Verfolgung – und für unsere Verantwortung, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit gerade heute entgegenzutreten“, sagt Christian Smolka, Stadtrat und Mitglied im Aufsichtsrat der der Münchner Wohnen. Neben ihm haben die Historikerin Dr. Christiane Fritsche sowie zwei Mitarbeiter*innen des Ausbildungsteams der Münchner Wohnen die Azubis begleitet.
"Beeindruckende Reise"
„Durch den Besuch von Theresienstadt und das Gespräch mit Michaela Vidláková wurde uns besonders bewusst, dass hinter den historischen Ereignissen einzelne Menschen und ihre Lebensgeschichten stehen“, sagt Hannah Kuhn, Auszubildende zur Immobilienkauffrau bei der Münchner Wohnen. „Sich mit ihren Schicksalen auseinanderzusetzen und an sie zu erinnern, hat die Geschichte für uns greifbarer gemacht. Vergangenheit wird nicht allein durch die Ereignisse zu Geschichte, sondern auch durch die persönlichen Schicksale der Menschen, die sie erlebt haben.“
„Die Studienreise hat mich tief beeindruckt und bewegt“, sagt Christian Smolka. „Es war berührend zu erleben, mit wie viel Engagement und Offenheit die Auszubildenden die Erinnerungsarbeit mitgestaltet haben und wie intensiv sie sich auf die Lebensgeschichten und Schicksale der ehemaligen Mieter*innen eingelassen haben. Die intensive Beschäftigung mit den Lebensgeschichten macht Geschichte persönlich und zeigt, wie wichtig es ist, Erinnerung lebendig zu halten. Ich hoffe sehr, dass die Eindrücke und Erfahrungen dieser Reise die Auszubildenden noch lange begleiten – in ihrer täglichen Arbeit, aber auch ganz persönlich.“
Erinnerungszeichen in ganz München
Die Ausbildungseinheit, in der sich die Azubis im zweiten Ausbildungsjahr mit der Geschichte der Vorgängerunternehmen der Münchner Wohnen während der nationalsozialistischen Herrschaft beschäftigen, ist seit einigen Jahren fester Bestandteil der Ausbildung. In Kooperation mit Public History im Kulturreferat der Landeshauptstadt München recherchieren die Auszubildenden die Schicksale ehemaliger Mieter*innen, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden.
Im Rahmen von bewegenden Gedenkveranstaltungen an den jeweiligen Wohnhäusern berichten sie über die Lebensgeschichten dieser Münchner*innen und bringen Erinnerungszeichen an – in den vergangenen Jahren in Neuhausen, Giesing, Harlaching und Sendling. Zuletzt wurde im Sommer 2026 in der Prinz-Ludwig-Straße in der Maxvorstadt an ehemalige jüdische Mieter*innen erinnert. Die letztjährige Studienreise führte die Azubis nach Litauen, wo sie neben der Gedenkstätte Fort IX in Kaunas das ehemalige Ghetto in Vilnius besuchten.